Wie aus Kunststoffabfällen sauberes Synthesegas werden kann, zeigt der bio-basierte Vergaser aus dem Forschungsprojekt Ecoloop.<br /><br /> © Eco­loop GmbH
Wie aus Kunst­stoff­ab­fäl­len sau­be­res Syn­the­se­gas wer­den kann, zeigt der bio-​basierte Ver­ga­ser aus dem For­schungs­pro­jekt Eco­loop.

Al­ter­na­ti­ve zu fos­si­len Brenn­stof­fen in der In­dus­trie
Syn­the­se­gas aus Kunst­stoff­ab­fäl­len er­setzt Erd­gas

Ro­land Möl­ler Mis­si­on En­er­gie­sys­tem 2045

13.10.2022 | Ak­tua­li­siert am: 15.11.2024

In Lau­in­gen steht deutsch­land­weit die ein­zig zu­ge­las­se­ne und bio-​basierte Ver­ga­ser­an­la­ge, die aus schwie­ri­gen Kunst­stoff­ab­fäl­len in Ge­gen­wart von Kalk Syn­the­se­gas her­stellt. Die im For­schungs­pro­jekt Eco­loop ent­wi­ckel­te Tech­no­lo­gie kann Erd­gas in der In­dus­trie er­set­zen. Aber für den Markt­hoch­lauf ist das Un­ter­neh­men zu klein.

Ro­land Möl­ler ist Ge­schäfts­füh­rer der Eco­loop GmbH und hat das gleich­na­mi­ge For­schungs­pro­jekt zu­sam­men mit sei­nem Part­ner Le­on­hard Bau­mann ko­or­di­niert. Darin haben Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler eine Ver­ga­ser­tech­no­lo­gie ent­wi­ckelt, mit der sich schad­stoff­rei­che hoch­ka­lo­ri­sche Kunst­stoff­ab­fäl­le öko­lo­gisch sau­ber en­er­ge­tisch und stoff­lich ver­wer­ten las­sen.

Im Interview: Roland Möller, Geschäftsführer der Ecoloop GmbH © Eco­loop GmbH
Ro­land Möl­ler ist Ge­schäfts­füh­rer der Eco­loop GmbH und hat das gleich­na­mi­ge For­schungs­pro­jekt ko­or­di­niert.

Mit Blick auf Kli­ma­wan­del und En­er­gie­un­ab­hän­gig­keit muss der glo­ba­le Erd­gas­be­darf re­du­ziert wer­den. Wel­che Rolle kann hier das ab­ge­schlos­se­ne For­schungs­pro­jekt Eco­loop spie­len?

Ro­land Möl­ler: Mit Eco­loop haben wir eine Tech­no­lo­gie ent­wi­ckelt, die Erd­gas er­set­zen kann. Jetzt braucht es aber aus un­se­rer Sicht eine Art na­tio­na­le Kraft­an­stren­gung, um diese Tech­no­lo­gie vor­an­zu­brin­gen. Der bio-​basierte Ver­ga­ser mit einem Wan­der­bett aus Holz stellt aus Kunst­stoff­ab­fäl­len Syn­the­se­gas her und ist markt­reif. Aber als klei­nes Un­ter­neh­men mit we­ni­gen Mit­ar­bei­tern sind wir im Grun­de chan­cen­los, mit den ak­tu­ell vie­len An­fra­gen um­zu­ge­hen. Wir ar­bei­ten ak­tu­ell Pro­jek­te ab, die ein­fach und im lo­ka­len Um­feld sind — hier er­set­zen wir Erd­gas di­rekt durch Syn­the­se­gas und er­zie­len einen op­ti­ma­len CO₂-​Fußabdruck. Aber es fühlt sich nicht gut an, im Klei­nen zu agie­ren, wenn wir wis­sen, dass un­se­re Tech­no­lo­gie mit­hel­fen kann, die En­er­gie­kri­se zu mil­dern.

For­schungs­pro­jekt Eco­loop

  • Re­cy­cling: Kunst­stoff­ab­fäl­le nach­hal­tig nut­zen, an­statt sie zu ver­bren­nen
  • Eco­loop ent­wi­ckelt Ver­ga­ser­tech­no­lo­gie, um Syn­the­se­gas aus Kunst­stoff­ab­fäl­len her­zu­stel­len und damit Primär-​Brennstoffe in Kalk­wer­ken zu er­set­zen
  • Im Ver­ga­sungs­pro­zess bin­det bei­gemisch­ter Kalk die Schad­stof­fe und senkt die CO2-​Emissionen
  • For­schungs­pro­jekt Eco­loop weist grund­sätz­li­che Mach­bar­keit nach und lie­fert Er­kennt­nis­se für mehr­jäh­ri­ge Ent­wick­lungs­ar­beit
  • Kleinvergaser-​Pilotanlage mit einer Gas­leis­tung von 0,3 Me­ga­watt seit 2020 er­folg­reich in Be­trieb.
  • Ge­rei­nig­tes Syn­the­se­gas kann auch im Block­heiz­kraft­werk ver­stromt oder als Re­duk­ti­ons­mit­tel in der Stahl­in­dus­trie stoff­lich ver­wer­tet wer­den
  • Die de­zen­tra­le Ab­fall­ver­wer­tung spart wei­te­re CO2-​Emissionen ein
zum Pro­jekt­por­trät

Was bräuch­te es denn aus Ihrer Sicht, um das zu än­dern und die Ecoloop-​Technologie in den Markt zu brin­gen?

Möl­ler: Es geht an die­ser Stel­le nicht nur um Eco­loop, denn deutsch­land­weit und auch in Ös­ter­reich haben wir ei­ni­ge Un­ter­neh­men, die Ver­ga­ser­an­la­gen am Markt haben, eben­so wis­sen­schaft­li­che Ein­rich­tun­gen und Fach­be­hör­den, die auf die­sem Ge­biet seit Jah­ren er­folg­reich ar­bei­ten. Um diese Tech­no­lo­gie vor­an­zu­trei­ben, ist es mei­ner Mei­nung nach jetzt not­wen­dig, alle Kom­pe­ten­zen im Be­reich Ver­ga­sungs­ver­fah­ren zu bün­deln. Dann kön­nen wir ge­mein­sam und in Stär­ke in der En­er­gie­kri­se un­ter­stüt­zen. Wir möch­ten eine markt­rei­fe Tech­no­lo­gie vor­an­brin­gen und in den nächs­ten drei bis fünf Jah­ren einen re­le­van­ten Bei­trag in der En­er­gie­wen­de leis­ten. Mit Eco­loop sind wir an durch die lang­jäh­ri­ge For­schungs­ar­beit einem Punkt an­ge­kom­men, an dem wir in der Krise hel­fen kön­nen. Aber wir sind noch nicht weit genug, um die Tech­no­lo­gie jetzt wirk­lich in die Brei­te zu brin­gen.

Sie selbst sagen, es gibt ei­ni­ge Ver­ga­ser­an­la­gen am Markt. Was ist das Be­son­de­re am Ecoloop-​Vergaser?

Der Ecoloop-​Vergaser ist der ein­zi­ge, der Syn­the­se­gas mit hoch­ka­lo­ri­schen Kunst­stoff­ab­fäl­len her­stel­len kann. Damit ist im Prin­zip ein Ein­satz­stoff zur Her­stel­lung von Syn­the­se­gas im Mil­lio­nen­maß­stab er­schlos­sen: Bis­her ver­wer­ten Müll­ver­bren­nungs­an­la­gen Ab­fäl­le als En­er­gie­trä­ger mit einem sehr nied­ri­gen Wir­kungs­grad. Der bio-​basierte Ver­ga­ser kann mehr als 80 Pro­zent des En­er­gie­in­halts aus den Kunst­stoff­ab­fäl­len in ge­rei­nig­tes Syn­the­se­gas um­wan­deln. Dar­aus lässt sich über ein Block­heiz­kraft­werk (kurz: BHKW) Strom und Wärme er­zeu­gen oder — was für erd­gas­ab­hän­gi­ge In­dus­trien viel in­ter­es­san­ter ist — das Syn­the­se­gas wird als Pri­mär­ener­gie­trä­ger in Hoch­tem­pe­ra­tur­pro­zes­sen, zum Bei­spiel in Kalk­wer­ken, in Zie­ge­lei­en oder in der Ze­ment­in­dus­trie ein­ge­setzt.

Funk­ti­ons­sche­ma des bio-​basierten Ver­ga­sers

Funktionsschema des bio-basierten Vergasers aus Ecoloop

Quel­le: © Eco­loop GmbH

Wel­che Al­ter­na­ti­ven zu Erd­gas gibt es denn zur­zeit für die In­dus­trie über­haupt am Markt?

Es gibt nicht viele al­ter­na­ti­ve Tech­no­lo­gien in Deutsch­land, die fos­si­les Erd­gas de­zen­tral er­set­zen kön­nen. Es gibt ei­gent­lich nur zwei: Das eine ist die Biogas-​Erzeugung und das an­de­re ist Ver­ga­sung von Bio­mas­sen, idea­ler­wei­se zu­sam­men mit Kunst­stof­fen — sprich das, was wir ma­chen. Und da sind wir in­zwi­schen kom­plett markt­reif und kön­nen heute Vergaser-​Module an­bie­ten, die Erd­gas vor Ort durch Syn­the­se­gas er­set­zen.

Kön­nen Sie Bei­spie­le nen­nen?

Wir haben Pro­jek­te in Zie­ge­lei­en, die auf­grund hoher Tem­pe­ra­tu­ren für den Brenn­pro­zess auf Erd­gas an­ge­wie­sen sind und bis­her nichts An­de­res ein­set­zen kön­nen. Wir haben Pro­jek­te in der Ab­fall­wirt­schaft, die ei­ge­ne Ein­satz­stof­fe haben und die für ihre Auf­be­rei­tungs­an­la­gen En­er­gie­prei­se kom­pen­sie­ren müs­sen. Bei einem Stahl­her­stel­ler soll das ab­fall­stäm­mi­ge Syn­the­se­gas als Re­duk­ti­ons­mit­tel ver­wen­det wer­den und Ein­blas­koh­le im Hoch­ofen er­set­zen. Wir ar­bei­ten auch für Che­mie­kon­zer­ne: Hier geht es darum, Erd­gas, das für die Me­tha­nol­syn­the­se ge­nutzt wird, durch Syn­the­se­gas zu er­set­zen. Wir haben die Pro­jekt­pipe­line voll, kön­nen davon aber bis­her nur einen Bruch­teil be­ar­bei­ten. Und es fühlt sich nicht gut an, wenn man das nicht be­wäl­ti­gen kann und weiß, dass eine Tech­no­lo­gie da ist, die hel­fen kann.

Wel­chen Bei­trag kann die Ecoloop-​Technologie leis­ten, um den CO2-​Ausstoß zu sen­ken?

Über­all dort, wo wir Gase oder fos­si­le En­er­gie­trä­ger ver­bren­nen, un­ter­bre­chen wir den Kohlenstoff-​Kreislauf und ent­las­sen CO2 in die At­mo­sphä­re. Das Ziel der Ab­fall­wirt­schaft ist es, von der Müll­ver­bren­nung so weit wie mög­lich weg­zu­kom­men und den Kohlenstoff-​Kreislauf zu­neh­mend zu schlie­ßen. Hier gibt es jetzt drei Mög­lich­kei­ten: Den bes­ten CO2-​Fußabdruck hat bei­spiels­wei­se ein Ab­fall­pro­dukt aus dem Gel­ben Sack, wenn es wie­der zu dem wird, was es vor­her war. Das heißt: Eine Folie aus dem Kunst­stoff Po­ly­ethy­len wird über Sor­tier­an­la­gen aus dem Ab­fall ge­holt und bleibt eine Folie oder eine Ver­pa­ckung. Das ist das werk­stoff­li­che Re­cy­cling.

Nach dem Aus­sor­tie­ren rei­ner Kunst­stof­fe folgt die Ver­ölung wei­te­rer sor­tier­ter Kunst­stoff­ab­fäl­le — das sind die Po­ly­o­le­fi­ne. Bei die­sem che­mi­schen Re­cy­cling wer­den mit­tels ther­mo­che­mi­scher Pro­zes­se — der so­ge­nann­ten De­po­ly­me­ri­sa­ti­on — die Kunst­stoff­po­ly­me­re in klei­ne­re Grund­bau­stei­ne zer­legt. Der Koh­len­stoff geht in die­sem Fall zu­nächst in ein Öl und dann als Roh­stoff in die che­mi­sche In­dus­trie, um dann einen neuen Kunst­stoff her­zu­stel­len. Jetzt haben wir im Ab­fall aber immer noch eine wilde Rest­mi­schung, die dann in die Ver­ga­sung kommt. Mit der Ecoloop-​Technologie wird diese wilde Rest­mi­schung in einem Holz­wan­der­bett kon­ti­nu­ier­lich ver­gast. Das grob­stü­cki­ge Holz dient als Stütz­ge­rüst im Re­ak­tor und senkt die spe­zi­fi­schen CO2-​Emissionen. Die Schad­stof­fe wer­den am zu­do­sier­ten Kalk be­reits wäh­rend des Ver­ga­sungs­pro­zes­ses ge­bun­den. Es ent­steht ein sau­be­res Syn­the­se­gas. Und das kann dann als En­er­gie­trä­ger oder als Roh­stoff ein­ge­setzt wer­den — zum Bei­spiel für die Me­tha­nol­syn­the­se in der che­mi­schen In­dus­trie.

Das For­schungs­pro­jekt Eco­loop lief von 2008 bis 2014 und dann gab es noch ein An­schluss­pro­jekt von 2013 bis 2017. Wo ste­hen Sie im Mo­ment mit der Tech­no­lo­gie?

Wir hat­ten 2020 un­se­ren tech­no­lo­gi­schen Durch­bruch: Nach lan­ger Ent­wick­lungs­zeit sind wir dar­auf ge­kom­men, das zu­nächst im Ver­ga­ser ein­ge­setz­te grob­stü­cki­ge Kalk­wan­der­bett mit einem Wan­der­bett aus Holz aus­zu­tau­schen. Der Aus­tausch und die al­ter­na­ti­ve Do­sie­rung von fei­nem Kalk waren der Schlüs­sel zum Er­folg. Und auch der Um­stieg vom Groß­ver­ga­ser auf einen klei­nen Ver­ga­ser­typ, der mo­du­lar und de­zen­tral ein­ge­setzt wer­den kann, war ein wich­ti­ger Schritt. Denn die Ab­fall­stof­fe, auf die wir uns stra­te­gisch aus­ge­rich­tet haben, fal­len de­zen­tral an. All das zeigt: Ein For­schungs­pro­jekt be­zie­hungs­wei­se eine In­no­va­ti­on braucht einen lan­gen Atem — in die­sem Fall über eine De­ka­de. Es ist deutsch­land­weit ak­tu­ell die ein­zig ge­neh­mig­te An­la­ge die­ser Art.
Die en­er­ge­ti­sche Ver­wer­tung der Kunst­stoff­ab­fäl­le haben wir für die Ver­ga­sung wei­test­ge­hend op­ti­miert. Unser ak­tu­el­ler Ent­wick­lungs­schwer­punkt liegt darin, Luft als Ver­ga­sungs­mit­tel gegen Sauer­stoff zu er­set­zen. Dann ent­steht ein qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge­res Syn­the­se­gas, das auch für stoff­li­che An­wen­dun­gen ge­nutzt wer­den kann, zum Bei­spiel als Re­duk­ti­ons­mit­tel in der Stahl­in­dus­trie oder als Roh­stoff für che­mi­sche Syn­the­sen. Ein we­sent­li­ches An­lie­gen ist uns dabei, den Kohlenstoff-​Kreislauf ge­schlos­sen zu hal­ten und mög­lichst viel Koh­len­stoff aus Rest­stof­fen stoff­lich zu ver­wer­ten und nicht in die At­mo­sphä­re in Form von CO2 zu emit­tie­ren.

Das In­ter­view führ­te An­ni­ka Zeit­ler, Wis­sen­schafts­jour­na­lis­tin beim Pro­jekt­trä­ger Jü­lich.