SLENTEX Aerogel: Feuerwiderstandsfähigkeit im Test © BASF
SLEN­TEX Ae­ro­gel: Feu­er­wi­der­stands­fä­hig­keit im Test

Aerogele-​Cluster: Aus­tausch für die For­schung
In einem Gramm Ae­ro­gel ver­steckt sich ein Fuß­ball­feld

Prof. Irina Smir­no­va Mis­si­on Wär­me­wen­de 2045

25.01.2021 | Ak­tua­li­siert am: 15.11.2024

Ae­ro­ge­le kön­nen als Wär­me­däm­mung über­all dort ein­ge­setzt wer­den, wo her­kömm­li­che Dämm­stof­fe ver­sa­gen. Irina Smir­no­va ko­or­di­niert das vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft und Kli­ma­schutz (BMWK) ge­för­der­te Aerogele-​Cluster. Im In­ter­view er­klärt sie, warum der Aus­tausch der For­schungs­pro­jek­te un­ter­ein­an­der enorm wich­tig ist, warum Ae­ro­ge­le eine ex­trem große in­ne­re Ober­flä­che haben und wo sie in der In­dus­trie en­er­gie­ef­fi­zi­ent ein­ge­setzt wer­den kön­nen.

Porträtfoto von Prof. Irina Smirnova © TUHH
Prof. Irina Smir­no­va

Irina Smir­no­va ist Pro­fes­so­rin und Vi­ze­prä­si­den­tin für For­schung an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ham­burg (TUHH). Seit 2008 lei­tet sie das In­sti­tut für Ther­mi­sche Ver­fah­rens­tech­nik an der TUHH. Ihre For­schungs­schwer­punk­te lie­gen in den Be­rei­chen Ae­ro­ge­le, Hoch­druck­tech­nik, Bio­raf­fi­ne­rie, in­no­va­ti­ve Trenn­tech­no­lo­gien sowie der Ent­wick­lung mo­le­ku­la­rer ther­mo­dy­na­mi­scher Me­tho­den. Sie ko­or­di­niert das BMWK-​Aerogle-Cluster, in dem meh­re­re Pro­jek­te mit dem Schwer­punkt Ae­ro­ge­le ver­netzt sind.

Frau Smir­no­va, was ist der Un­ter­schied zwi­schen einem her­kömm­li­chen Dämm­stoff und einem Ae­ro­gel?

Die Haupt­ei­gen­schaft eines Dämm­stoffs ist eine gute Wär­me­däm­mung. Das heißt: Wärme, die durch einen Dämm­stoff will, hat es be­son­ders schwie­rig. Neh­men Sie zum Bei­spiel Sty­ro­por: Die Poren die­ses Dämm­stoffs sind ge­schlos­sen und es kann nichts hin­durch­kom­men – außer En­er­gie in Form von Wärme. 

Ae­ro­ge­le da­ge­gen sind in der Lage, dar­über hin­aus auch Feuch­tig­keit zu trans­por­tie­ren. Sie sind ex­trem porös, be­stehen zu einem gro­ßen Teil aus Luft und all ihre Poren sind mit­ein­an­der ver­bun­den. Das kön­nen Sie sich wie einen Schwamm vor­stel­len. Wenn Sie Was­ser von oben auf einen Schwamm trop­fen, dann kommt das Was­ser ir­gend­wann auf der an­de­ren Seite wie­der her­aus. Wei­ter sind die Poren der Ae­ro­ge­le we­sent­lich klei­ner als in her­kömm­li­chen Dämm­stof­fen – das macht die Wär­me­däm­mung noch bes­ser.

Was sind Ae­ro­ge­le?

Ae­ro­ge­le kön­nen als Su­per­iso­la­ti­ons­ma­te­ria­li­en bei­spiels­wei­se in der Au­to­mo­bil­in­dus­trie sowie in Dämm­sys­te­men für Gebäude-​ oder Hoch­tem­pe­ra­tur­an­wen­dun­gen ein­ge­setzt wer­den. So tra­gen sie zum scho­nen­den Um­gang mit na­tür­li­chen Res­sour­cen wie En­er­gie aus Erd­gas und Erdöl bei. Ae­ro­ge­le sind sehr porös und be­stehen zu über 90 Pro­zent aus Luft oder frei­em Raum. Damit sind sie ex­trem leicht, haben zudem eine ge­rin­ge Dich­te sowie eine große in­ne­re Ober­flä­che. Ihre na­no­ska­li­ge Klein­po­rig­keit be­wirkt eine ex­trem nied­ri­ge Wär­me­leit­fä­hig­keit, da die Be­weg­lich­keit der in­nen­lie­gen­den Luft ex­trem ein­ge­schränkt wird. Auch der Wär­me­strah­lungs­trans­port ist ins­be­son­de­re bei Kohlenstoff-​Aerogelen weit­ge­hend re­du­ziert. Grund dafür ist das fein­tei­li­ge Kohlenstoff-​Gerüst. Diese be­son­de­ren Ei­gen­schaf­ten der Ae­ro­ge­le er­lau­ben, sie dort ein­zu­set­zen, wo her­kömm­li­che Wär­me­dämm­sys­te­me bei hohen Tem­pe­ra­tu­ren ver­sa­gen.

Neben Ae­ro­ge­len gibt es auch Werk­stof­fe mit ae­ro­gel­ähn­li­chen Struk­tu­ren - wo genau fängt das eine an und wo hört das an­de­re auf? 

Es gibt immer noch keine sau­be­re De­fi­ni­ti­on für Ae­ro­ge­le. Die Wis­sen­schaft dis­ku­tiert ak­tu­ell immer noch über diese Grenz­be­rei­che. Ei­gent­lich ist ein Ae­ro­gel de­fi­niert als ein 3D-​Netzwerk, aus dem Lö­sungs­mit­tel kom­plett ent­fernt sind, ohne dass die Poren zu­sam­men­ge­fal­len oder in einer an­de­ren Art und Weise zer­stört sind. Sie sind alle of­fen­po­rig und kön­nen aus an­or­ga­ni­schen Ma­te­ria­len, wie etwa Silizium-​ oder Alu­mi­ni­um­oxid, oder or­ga­ni­schen Ma­te­ria­li­en, bei­spiels­wei­se Zel­lu­lo­se, her­ge­stellt wer­den. Was Ae­ro­ge­le im All­ge­mei­nen aus­zeich­net, ist eine sehr nied­ri­ge Dich­te. Aber bis zu wel­cher Dich­te ist es noch ein Ae­ro­gel und ab wann ist es ein kon­ven­tio­nel­ler po­rö­ser Stoff? Da haben wir uns in der Wis­sen­schaft noch nicht ge­ei­nigt. In jedem Fall ist die Dich­te von einem Ae­ro­gel klei­ner als 0,3 Gramm pro Ku­bik­zen­ti­me­ter. Da sind wir uns alle einig. Zum Ver­gleich: Die Dich­te von Was­ser ist ein Gramm pro Ku­bik­zen­ti­me­ter.

Stärke-Aerogel-Monolith und -Pulver: Die Aufnahmen zeigen die extrem proröse Struktur eines Aerogels. Dadurch haben sie eine sehr große innere Oberfläche. Die verzweigte Porenstruktur reduziert den direkten Wärmetransport. © Ae­ro­ge­lex
Stärke-​Aerogel-Monolith und -​Pulver: Die Auf­nah­men zei­gen die ex­trem pro­rö­se Struk­tur eines Ae­ro­gels. Da­durch haben sie eine sehr große in­ne­re Ober­flä­che. Die ver­zweig­te Po­ren­struk­tur re­du­ziert den di­rek­ten Wär­me­trans­port.

Was macht Ae­ro­ge­le so ef­fi­zi­ent?

Mit ihrer ex­trem hohen Po­ro­si­tät geht auch eine ex­trem große, in­ne­re Ober­flä­che ein­her. Das macht sie sehr ef­fi­zi­ent. Wenn ich ge­dank­lich all diese Poren aus­ein­an­der­fal­ten würde, dann könn­te ich in einem Gramm Ae­ro­gel min­des­tens ein Fuß­ball­feld ver­ste­cken. In ihrer Her­stel­lung sind sie je­doch nicht ge­ra­de sehr güns­tig. Wenn sie mit her­kömm­li­chen Dämm­ma­te­ria­li­en kon­kur­rie­ren wol­len, müs­sen sie min­des­tens zwei Funk­tio­nen mit sich brin­gen. Und das tun sie durch die Wär­me­lei­tung und die ex­trem hohe in­ne­re Ober­flä­che.

Wel­che An­wen­dungs­mög­lich­kei­ten gibt es für Ae­ro­ge­le – vor allem in der In­dus­trie? 

Wir spre­chen immer von Wär­me­däm­mung in Ge­bäu­den, weil es das Ein­gän­gigs­te ist und sich jeder vor­stel­len kann. Das war der ur­sprüng­li­che Markt der Ae­ro­ge­le, in dem sie sich gut ent­wi­ckelt haben. Mitt­ler­wei­le sind auch an­de­re Märk­te er­schlos­sen: Ex­trem­sport­ler stei­gen in Ja­cken mit Ae­ro­gel­däm­mung auf den Mount Ever­est, die Bat­te­rie­for­schung nutzt sie sowie die Luft- und Raum­fahrt. In der In­dus­trie wer­den Ae­ro­ge­le dort ein­ge­setzt, wo ex­trem hohe Tem­pe­ra­tu­ren herr­schen: etwa in Hoch­tem­pe­ra­tu­r­öfen. Dort bin ich auf eine sehr ef­fi­zi­en­te Wär­me­däm­mung an­ge­wie­sen, die aber bei hohen Tem­pe­ra­tu­ren nicht ka­putt­geht. Her­kömm­li­che Dämm­ma­te­ria­li­en ver­lie­ren bei hohen Tem­pe­ra­tu­ren ihre Fä­hig­keit zum Däm­men. Bei den Ae­ro­ge­len ge­stal­tet sich das auf­grund ihrer be­son­de­rer Struk­tur an­ders, so­dass wir sie bei sehr, sehr hohen Tem­pe­ra­tu­ren ein­set­zen kön­nen. 

Kohlenstoff-Aerogel - Muster des nanoporösen Hochtemperatur-Wärmedämmstoffs ©ZAE
Im For­schungs­pro­jekt Ae­ro­Fur­nace wer­den Kohlenstoff-​Aerogele als Su­per­iso­la­ti­ons­ma­te­ria­li­en ein­ge­setzt.

Kön­nen Sie Ein­bli­cke in ein paar For­schungs­pro­jek­te des Clus­ters geben, die jetzt schon er­folg­reich zei­gen, dass Ae­ro­ge­le en­er­gie­ef­fi­zi­ent als Wär­me­dämm­werk­stoff in Hoch­tem­pe­ra­tu­r­öfen ein­ge­setzt wer­den kön­nen?

Mit Ae­ro­Fur­nace haben wir ge­zeigt, dass Kohlenstoff-​Aerogele als Su­per­iso­la­ti­ons­ma­te­ria­li­en in Hoch­tem­pe­ra­tu­r­öfen an­wend­bar sind. Mit dem na­no­po­rö­sen, neuen Wär­me­dämm­werk­stoff kön­nen dort bis zu 40 Pro­zent der be­nö­tig­ten Pro­zes­s­ener­gie ein­ge­spart wer­den. Im nächs­ten Schritt sol­len die Kohlenstoff-​Aerogele vom Labor in einen rea­len Ofen über­tra­gen und ge­tes­tet wer­den. Im For­schungs­pro­jekt Aero­Ref sit­zen statt her­kömm­li­cher Ad­di­ti­ve Ae­ro­ge­le als Zu­satz­ma­te­ria­li­en mit im Gie­ße­rei­pro­zess. Ihre Auf­ga­be ist, Gase, die etwa beim Ver­gie­ßen und Er­star­ren frei wer­den, auf­zu­neh­men. Das macht die Ober­flä­che des Guss­ma­te­ri­als glat­ter und es ent­fällt ein Nach­be­ar­bei­tungs­schritt. Einen etwas an­de­ren Schwer­punkt hat das For­schungs­pro­jekt NAFT: Hier geht es um die Her­stel­lung von Gelen und Ae­ro­ge­len aus Edel­me­tall­n­a­no­par­ti­keln, die für das Tintenstrahldruck-​Verfahren ge­eig­net sind. So kön­nen sie in ganz dün­nen Schich­ten für Ka­ta­ly­sa­to­ren, Elek­tro­ka­ta­ly­sa­to­ren oder elek­tro­che­mi­sche Sen­so­ren ein­ge­setzt wer­den.

Im Aerogele-​Cluster sind meh­re­re BMWK-​geförderte For­schungs­pro­jek­te mit­ein­an­der ver­netzt. Was be­deu­tet das genau?

Es war uns allen ein An­lie­gen, dass die For­schungs­pro­jek­te mit ihren Part­nern aus For­schung und In­dus­trie nicht iso­liert von­ein­an­der ar­bei­ten, son­dern einen of­fe­nen und engen Aus­tausch un­ter­ein­an­der haben. Min­des­tens alle sechs Mo­na­te tref­fen wir uns: Erst be­spre­chen die Pro­jek­te ihre ver­trau­li­chen In­hal­te und da­nach gehen wir in den Aus­tausch zu be­stimm­ten, vor­her de­fi­nier­ten The­men, die keine Be­triebs­ge­heim­nis­se sind: Zum Bei­spiel stellt je­mand aus dem Clus­ter eine be­son­ders ef­fi­zi­en­te Form der Trock­nung für Ae­ro­ge­le vor, die alle nut­zen kön­nen. Es ist dann zwar im Zu­sam­men­hang eines For­schungs­pro­jekts ent­wi­ckelt wor­den, aber allen an­de­ren steht die­ses Wis­sen dann auch zur Ver­fü­gung. Ein Wis­sen­schaft­ler­team hat eine gute Zerkleinerungs-​Strategie ge­fun­den, ein an­de­res weiß, wie die Po­ro­si­tät und die elek­tri­sche oder ther­mi­sche Leit­fä­hig­keit von Ae­ro­ge­len be­son­ders zu­ver­läs­sig cha­rak­te­ri­siert wer­den kann. Ich denke, sol­che Clus­ter wie das Aerogele-​Cluster müs­sen auf Frei­wil­lig­keit be­ru­hen. Alle müs­sen be­reit sein, mit den an­de­ren ihr Know-​how zu tei­len. Das ist aus mei­ner Sicht nicht mit Gold auf­zu­wie­gen. Das kann kei­ner rich­tig be­zif­fern, aber ein of­fe­ner Um­gang und eine Ver­net­zung un­ter­ein­an­der ver­hin­dert so viele Feh­ler. Und das stärkt un­se­re Re­pu­ta­ti­on enorm. Wir spre­chen eine ge­mein­sa­me Spra­che und das macht uns schluss­end­lich auch wett­be­werbs­fä­hig. Wir ent­wi­ckeln un­se­re Pro­duk­te ja für die In­dus­trie und nicht ein­fach mal so für die Wis­sen­schaft.  Und ich bin des­halb sehr froh, dass in un­se­rer Deut­schen Aerogel-​Community die­ser Geist der ver­trau­ens­vol­len und of­fe­nen Zu­sam­men­ar­beit herrscht. 

Wel­chen For­schungs­be­darf sehen Sie in den kom­men­den Jah­ren im Be­reich der Ae­ro­ge­le? 

Für die Markt­ein­füh­rung der Ae­ro­ge­le in neuen An­wen­dungs­fel­dern fehlt der Nach­weis ihrer Funk­ti­ons­fä­hig­keit in der in­dus­tri­el­len Pra­xis sowie die Mög­lich­keit, Ae­ro­ge­le in grö­ße­rem Maß­stab her­zu­stel­len. Ziel ist, Ae­ro­ge­le in einem kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­zess her­zu­stel­len – der Sprung von Batch to Conti. Die Pro­zes­se soll­ten dar­über hin­aus kür­zer und ef­fi­zi­en­ter wer­den.

Batch to Conti: Wissenschaftler forscht an einer kontinuierlichen Produktionsanlage für Aerogele © TUHH
Batch to Conti: Ae­ro­ge­le sol­len zu­künf­tig in einem kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­zess her­ge­stellt wer­den.

Für einen Ae­ro­gel­typ haben wir das schon im For­schungs­pro­jekt Ae­ro­Kon­ti zei­gen kön­nen: Statt meh­re­rer Stun­den kön­nen die Ae­ro­gel­par­ti­kel mit einem Durch­mes­ser bis zum Millimeter-​Bereich in­ner­halb we­ni­ger Mi­nu­ten in einem neu ent­wi­ckel­ten kon­ti­nu­ier­li­chen Pro­zess ge­trock­net wer­den. Das ist ein gro­ßer Schritt und hebt die Ma­te­ria­li­en in eine ganz an­de­re Wirt­schaft­lich­keit. Aber ist die Über­trag­bar­keit ge­ge­ben? Kön­nen jetzt alle auf die­sen Pro­zess um­ge­stellt wer­den? Das gilt es zu prü­fen. Ein wei­te­res Po­ten­zi­al liegt in so­ge­nann­ten Hybriden-​Aerogelen, die aus meh­re­ren Ma­te­ria­li­en zu­sam­men­ge­setzt sind und in ihrer Struk­tur neue Mög­lich­kei­ten bie­ten. In For­schung und Ent­wick­lung müs­sen wir aber schau­en, wie wir die­sen Mix be­herr­schen:  in der frei­en Wahl der che­mi­schen Struk­tur, der Her­stel­lung im tech­ni­schen Maß­stab, der ef­fi­zi­en­ten Trock­nung und spä­ter im Pro­zess.

Das In­ter­view führ­te An­ni­ka Zeit­ler, Wis­sen­schafts­jour­na­lis­tin beim Pro­jekt­trä­ger Jü­lich.